Aus der Region

Rätselhafte Wahlplakate

Beitrag: Boike Jacobs

Man sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht. Nein, anders: Man sieht die Bäume vor lauter Wahlplakaten nicht, wenn man z.B. den Serrahn hinunter bummelt. Hat man eines nach dem anderen betrachtet, weiß man genau, wo man am 23. Februar und am 2. März seine Kreuzchen hinsetzen wird. Oder etwa nicht?

„Auf Hamburg sein Nacken“ lese ich irritiert. Ein Rechtschreibfehler? Ein Scherz? Auch die Bilder geben keine Auskunft auf diese Frage: Ein Kinderfoto, die Gesichter mit Herzchen verdeckt, ein Arm in gestreiftem Pullover. Abschlussarbeit Kunst in Klasse 4, würde ich sagen. Aber nein, auf diese Weise wirbt die Linke, deren Kandidat ein T-Shirt trägt mit der Aufschrift „Tax the Rich“. Aha.

Rätselhaft auch das Plakat dahinter. „Freiheit für Kapital, Stacheldraht für Menschen? Heuchler!“ Ich werde nicht schlau daraus. Was will die MLPD uns damit sagen? Und was meint Dirk Nockemann, Spitzenkandidat für die AfD, wenn er auf einem Plakat mit seinem großen Konterfei androht: „Hart für Hamburg!“ Das ist wirklich die Härte.

Doch da schaut mir vom Plakat ein hübsches junges Mädchen entgegen, das mich vage an meine Enkelin erinnert. „Maral“ steht über ihrem Kopf und am Fuß in großen Buchstaben „Volt“. Ja, ich habe von dieser Partei gehört, meine Nachbarin will sie unbedingt wählen, aber wofür steht sie? Das erfahre ich auf einem anderen Plakat: „Holen wir uns die Zukunft zurück. Mit Lösungen für eine Wirtschaft in grün und smart.“ Eine smarte Wirtschaft? Kaum zu glauben.

Dann wird es endlich konkret. „Hamburg ist für alle da – auch für Autofahrer“, verspricht ein Plakat der CDU. Wer liest das nicht gerne nach den vielen Bemühungen von Hamburgs führenden Politikern, den Radfahrern grünes Dauerlicht zu geben. Die SPD dagegen wirbt einfach mit einem großen Konterfei des Regierenden Bürgermeisters Peter Tschentscher. Selbstbewusst und freundlich scheint er dem Betrachter direkt in die Augen zu schauen. Moment mal, was ist denn da mit seiner Brille los? Das Glas auf der rechten Seite sieht genauso aus wie meine Brille, wenn ich eine Woche lang vergessen habe, sie zu putzen. Aber das passiert doch dem Bürgermeister nicht! Erleichtert stelle ich fest, dass der Grafiker hier eingegriffen und eine Spiegelung auf das Glas gezaubert hat – nicht Schlieren und Staub sind dort zu sehen, sondern Elphi und Elbe. Raffiniert.

Auch Hamburgs FDP hat nicht gespart mit Wahlplakaten. „Die Blume macht das“ ist auf leuchtend gelber Blume zu lesen. Nein, es geht nicht um den Valentinstag, es geht um die Spitzenkandidatin Katarina Blume. Die Grünen setzen ebenfalls auf eine Frau: „Herz. Verstand. Fegebank“ steht unter den zwei aufgehübschten Fotos der Zweiten Bürgermeisterin. Irgendwie haut es mit dem Reim nicht richtig hin, aber Herz und Verstand sind ja immer gut.

Schon vor Wochen haben Wahlhelferinnen und -helfer ganze Arbeit geleistet. Klimaschutz hin und her, trotz aller Verbote kleben die Plakattafeln an den Bäumen, und auch die Werbung für längst veraltete Termine bleibt stehen, schief und krumm und von Wind und Regen lädiert. Bergedorfs Parteien haben da zu Rathausführungen, Frühstückstreffen, Bierabenden, Diskussionsrunden, Kaffeetafeln und offenen Gesprächen auf Marktplätzen eingeladen.

Hatten sie Erfolg damit? Werden sie mit der überwältigenden Plakataktion potentielle Nichtwähler für sich gewinnen und Vergessliche daran erinnern, dass sie am 23. Februar und am 2. März ihre Kreuzchen machen sollten? 15 Parteien stellen sich in Hamburg zur Wahl, den längsten Titel hat die „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“. Das nenne ich jedenfalls ein umfassendes Programm.

Foto: Thorsten Werner

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