Beitrag: Rieta Stukenbrock
Rieta Stukenbrock, Jahrgang 1944, blickt zurück auf ihren Berufsweg, der für sie begann, als sie 17 Jahre alt war.
Meine kleine Enkelin, 8 Jahre alt, verschwand sehr gerne ganz still und heimlich Richtung Dachboden. Dort gab es eine kleine Tür zur Abseite in der Dachschrägen. Man konnte dort Schätze finden, die seit vielen Jahren unbeachtet aufbewahrt wurden. So kroch sie eines Tages auf allen Vieren in diese dunkle Höhle hinein. Oma, Oma, du musst mir mal helfen, komm mal bitte hoch. Ich stieg die zwei Treppen zum Dachboden hoch. Sie hing halb in der kleinen, schmalen Tür und versuchte einen kofferartigen Gegenstand aus dem Dunkel herauszuziehen. Ach, du meine Güte! Sie hatte „Gabriele“ entdeckt, meine alte Reise- Schreibmaschine. Ganz aufgeregt und neugierig bat sie mich, den verstaubten grauen Deckel mit dem rostigen Schloss zu öffnen. „Kannst du damit mal was schreiben?“ fragte sie. Ich besorgte ein Blatt Papier, spannte es in die Maschine ein, schrieb ihren Namen und ein paar Sätze dazu. Das Geschriebene konnte man so eben lesen, das Farbband war schon sehr schwach.
Seit 1975 hatte ich die Schreibmaschine nicht mehr benutzt. Der Firmeninhaber von Triumph hat sie nach dem Namen seiner Tochter Gabriele benannt. Meine Enkelin, 2005 bereits im Computerzeitalter geboren, hatte noch nie eine Schreibmaschine gesehen und kam aus dem Staunen nicht heraus. Ich selbst war erfreut, dass meine Gabriele noch funktionierte. Ich dachte daran, wie viele Seiten ich auf dieser kleinen Schreibmaschine in meinem Leben schon geschrieben hatte. Immer war sie verlässlich und überall einsetzbar ohne Strom, Akkus und Programme.
Zum 15. Geburtstag hatte ich diese Schreibmaschine bekommen, nachdem einige Geldgeschenke zur Konfirmation für den Kauf reichten. Ich sollte auf eine berufsvorbereitende Handelsschule. Ich hatte die Aufnahmeprüfung bestanden, und für die Schule brauchte ich eine Schreibmaschine. Dort wurden Wirtschafts-fächer unterrichtet, aber auch Stenografie und Maschinenschreiben gehörten dazu und waren sehr wichtig. Das Maschinenschreiben musste man im 10-Finger-Blind-System erlernen. Das Ziel war, möglichst fehlerfrei, ohne auf die Tasten zu schauen, viele Anschläge in der Minute zu erreichen. Fleißig sein, bescheiden sein, höflich sein und vor allem der Mutter keine Sorgen bereiten – das hatte ich frühzeitig begriffen. Als Lohn für meinen Fleiß in der Schule mussten meine Eltern kein Schulgeld bezahlen. Mit 17 Jahren machte ich eine Ausbildung zur Bürokauffrau in einem großen Wohnungsunternehmen in Kiel. Ich hatte mich schnell eingelebt. Es machte mir Spaß Neues zu lernen, mit vielen jungen Menschen und netten Kollegen zusammenzuarbeiten.

Das letzte halbe Jahr meiner Ausbildung hatte mich die Chefsekretärin unter ihren Fittichen. Sie hatte eine elektrische Kugelkopfmaschine, die gerade vor zwei Jahren von IBM als technische Neuheit auf den Markt gekommen war.
Ich bewunderte die ältere Kollegin. Sie sah immer so schick und gepflegt aus, war freundlich und gutgelaunt. Sie empfahl mir, eine Sekretärinnen-Ausbildung berufsbegleitend zu machen. Ein Jahr lang ging ich abends zweimal zu dieser Fortbildung und war fleißig. Für das Sekretärinnen-Diplom musste man mindestens 300 Anschläge auf der Schreibmaschine und 160 Silben Stenografie erreichen. Nachdem ich 330 Anschläge und 180 Silben erreichte, konnte ich mich für die Prüfung anmelden. Meine Eltern freuten sich mit mir, als ich nach bestandener Prüfung mit dem Diplom eine Sekretärinnen-Stelle in der Firma bekam. Mein Gehalt wurde kräftig erhöht und vor allem mit einer neuen Schreibmaschine – einer elektrischen Kugelkopfmaschine belohnt. Ich erinnere mich, sie war rot und sehr schick.
Nach drei Jahren packte mich, wie viele junge Leute in der Zeit, das Fernweh. Ich hatte schon während meiner Ausbildung den heftigen Wunsch gehabt, ins Ausland zu gehen. Damals war mir dieser Wunsch aber von meiner Mutter, deren Einwilligung ich brauchte, nicht erfüllt worden. Ich war noch keine 21 Jahre alt. Nun war aber meine beste Freundin erst nach Schweden dann nach Spanien gezogen, eine weitere Freundin nach England, eine Kollegin nach Paris. Ein Freund wanderte sogar nach Australien aus. Ich wohnte immer noch zu Hause, hatte inzwischen ein schönes eigenes Zimmer in dem neu erbauten Haus meiner Eltern. Mit Hilfe von Opas finanzieller Unterstützung besaß ich sogar ein Auto, einen „2CV“, eine „Ente“. Trotzdem wollte ich unbedingt ins Ausland, möglichst weit weg und auch Geld verdienen. Was ganz Besonderes sollte es sein. Da fand ich in der Samstagsausgabe der Kieler Nachrichten – es muss im Juli 1967 gewesen sein -folgende Anzeige, die mich sofort interessierte:
Arbeiten, wo andere Urlaub machen
„Für unsere Appartementanlage auf Teneriffa suchen wir eine Verwalterin. Ein interessantes selbständiges Arbeitsgebiet, freies Wohnen sowie ein gutes Gehalt erwarten Sie“….
Aber auf Teneriffa sprach man doch Spanisch! Ich konnte kein Wort. Egal, ich wollte mich darauf bewerben und schrieb mutig in die Bewerbung, dass ich Privatunterricht für das Erlernen der spanischen Sprache nehmen würde. Tatsächlich wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. Ich zog mein blaues Kostüm an und nahm „Gabriele“, etwas Papier, Blaupapier und natürlich meinen besten Füllfederhalter für die Unterschrift mit. Nach sechs Jahren Berufstätigkeit war ich selbstbewusst geworden. Ich hatte mir fest vorgenommen, den Arbeitsvertrag am gleichen Tag in der Hand zu haben. Mein Gesprächspartner war von meiner Bewerbung und den vorsorgenden Maßnahmen beeindruckt und bot mir einen Arbeitsvertrag an. Er fragte, ob er mir den Text für den Vertrag in die Maschine diktieren könne. Konzentriert und sicher tippte ich den Text mit meiner „Gabriele“ aufs Papier und nach ca. 15 Minuten war alles für die Unterschrift fertig.
In acht Wochen würde ich auf der Trauminsel Teneriffa meinen neuen Job antreten. Ich suchte mir eine Privatlehrerin und lernte fleißig Spanisch. Mit Gabriele im Gepäck machte ich die erste große Reise per Flugzeug. Auf Teneriffa bekam ich ein Zweizimmer-Appartement, meine erste eigene Wohnung direkt am Atlantik. Mit Meeresrauschen aufzuwachen war schon sehr besonders. Das gute Wetter sorgte bei den Gästen und mir für gute Laune. Mittags wurde das Büro von 13 bis 16 Uhr geschlossen. Die spanische Siesta hielt man auf jeden Fall ein. Ich ging sehr gern in dieser Zeit ins Schwimmbad. Abends nahm ich „Gabriele“ oft mit in mein Appartement, setzte mich auf den Balkon, um die Abrechnungen oder die Korrespondenz zu erledigen. Ich meinte, den schönsten Platz der Welt zum Arbeiten gefunden zu haben.
Die Schreibmaschine ist ein Symbol für mich. Ich habe die unterschiedlichsten Modelle kennengelernt. Typenhebel, Kugelkopf, die Typenrad-Maschine, ver- schiedene Speicher-Maschinen, Schreibautomaten und schließlich den Computer. Stets war die Schreibmaschine eine treue Gehilfin für die vielfältigen kaufmännischen Arbeiten in meinem Berufsleben. „Gabriele“ hat einen ganz besonderen Stellenwert. Ich nahm sie tatsächlich mit auf Reisen. Sie war sogar in Namibia. Dort arbeitete ich in einem Hotel und tippte jeden Tag die Menükarten in drei Sprachen. Ich schrieb Reiseberichte für meine Daheimgebliebenen auf Seidenpapier, auch ohne Strom, denn der fiel häufig aus.
Als mein jüngstes von drei Kindern in den Kindergarten kam, habe ich nach einer neuen Herausforderung für mein zukünftiges Berufsleben Ausschau gehalten. Meine ältere Freundin war häufig ein Vorbild für mich. Sie machte eine Ausbildung zur Fachlehrerin für Bürokommunikation. Das interessierte mich auch. Anfang der 80er Jahre hatte mein damaliger Arbeitgeber für das Sekretariat einen Computer angeschafft. Ich konnte mich mit dem Gerät schnell anfreunden, denn es war nach einer Lernphase eine große Arbeitserleichterung. Mit 41 Jahren machte ich eine neue Ausbildung.
In meiner Ausbildungsschule bekam ich eine Anstellung als Dozentin für die Erwachsenenbildung. Das Arbeitsamt förderte damals den Wiedereinstieg von Frauen ins Berufsleben. Häufig waren die Frauen zehn Jahre oder länger nach der Geburt ihrer Kinder zu Hause. Die Anforderungen im Büro wurden mit der neuen Technik immer größer. Die meisten Frauen kannten nur die Schreibmaschine oder eine simple Rechenmaschine. In sechs- bis neunmonatigen Lehrgängen hatten die Frauen Gelegenheit, ihre kaufmännischen Kenntnisse, z. B. Buchhaltung und Schriftverkehr, usw. wieder aufzufrischen und die „Neue Technik“, das Arbeiten mit Computern zu erlernen. Ich habe mir in vielen Fortbildungsseminaren die erforderlichen Kenntnisse angeeignet, um sie weiter zu vermitteln.

Bei der Jobsuche und beim Schreiben von Bewerbungen haben wir engagiert geholfen, und so war es für viele Frauen möglich, den Wiedereinstieg in Berufsleben zu finden.
Am Schluss sagt Rieta Stukenbrock: „Es hat mich mit großer Freude erfüllt, wenn wieder ein neuer Arbeitsvertrag geschlossen wurde. Vielleicht war es eine Berufung für mich. Die letzten 20 Jahre meines Berufs1965 im Bürolebens diese interessante, sinnvolle und erfüllende Tätigkeit ausüben zu können“.
Fotos: Rieta Stukenbrock
Auszug aus: Wozu bin ich berufen? „45 Berufe geträumt, gelebt, verwirklicht“