Beitrag: Tom Schmidt
Als ich nach knapp 18 Jahren aus dem quirligen Stadtteil Winterhude in Hamburg in das beschauliche Kirchwerder in den Vier- und Marschlanden gezogen bin, habe ich mir nicht allzu viel Gedanken gemacht, was auf mich zukommt. Die Landschaft mit ihren historischen Fachwerkhäusern gefiel mir, ein Spaziergang an der Elbe mit seinen tuckernden Transportschiffen war wie Urlaub, und im Gegensatz zur Geräuschkulisse der Großstadt hatte die Stille etwas Beruhigendes nach einem langen Arbeitstag. Mein Freundeskreis nannte das, freundlich ausgedrückt, einen Kulturschock. Letztendlich aber bin ich wie ein Chamäleon, das sich jeder Situation anpassen kann. Also ging ich vorbehaltlos den Umzug von der Stadt aufs Land an.
Als zugezogener Hamburger steht man in den Vier- und Marschlanden natürlich die ersten Monate unter Beobachtung. Ungeachtet der eher zurückhaltenden Art der einheimischen Bevölkerung Zugezogenen gegenüber war aber unterschwellig schnell festzustellen, ganz ohne Informationen über den Neuling ging es nun auch nicht: Alter, Beruf, Familienstand, letzter Wohnort und sonstige Nebensächlichkeiten musste man zwecks Einordnung der Person schon wissen.
Aufgrund meiner Frau, in Kirchwerder geboren und gut vernetzt, hatte ich glücklicherweise einen Bonus und wurde relativ schnell von den Menschen akzeptiert. Die einzuhaltenden Regeln waren relativ einfach und doch für einen Städter etwas vollkommen Neues. Man grüßte sich, unabhängig davon, ob sich die Personen kannten oder nicht. Das Wort „Moin“ gehört heute zum festen Bestandteil meines Wortschatzes. Aber auch sonst ist Kommunikation alles, ein kurzer Klönschnack mit den Menschen war Pflicht. Man war halt neugierig, erfuhr aber auch Interessantes aus der Nachbarschaft und Umgebung. Ebenfalls neu war die Hilfsbereitschaft untereinander. Egal, ob bei den Nachbarn ein Baum gefällt werden muss, mal wieder eine Kuh ausgebüxt ist oder jemand einen Fahrdienst braucht, man hilft sich. Für mich, aus der Anonymität der Großstadt kommend, ungewohnt und ein positiver Indikator für den Zusammenhalt untereinander, den ich heute nicht mehr missen möchte.
Obwohl sich auch in Kirchwerder der Strukturwandel bemerkbar macht, gibt es immer noch Gemüse- und Blumenanbaubetriebe. Das bedeutet, viele Anwohner haben häufig eine 7 Tage-Woche und wenig Zeit. Unabhängig davon wird aber auch gern gefeiert, häufig auf dem Saal und meistens bis in die Morgenstunden. Schnell lernte ich, was für ein feines Getränk der Sommerkorn ist. Es ist ein Überlebensgetränk, zumal beim Tanzen häufig nach jedem 2. Tanz eine Trinkpause eingelegt wird, um zum Beispiel einen Kurzen zu sich zu nehmen. Danach wechselt man die Tanzpartner, so dass alle Gäste in den Genuss kommen, ausgiebig zu tanzen und sich kennenzulernen. Das überleben bis zum nächsten Morgen wenige, aber der Sommerkorn (Wasser im Korn Glas) hilft Anfängern wie mir, wie ein trinkfester Vierländer den Abend zu überstehen. Das ist eine Kurzbeschreibung meines Eintritts ins Landgebiet von Kirchwerder. Auch wenn ich kein Einheimischer bin, gefühlt gehöre ich heute dazu.
Und die Anzahl an Anekdoten ist unendlich und betrifft alle Lebensbereiche. So wie auch die kommende, banale Geschichte. Häufig, wenn ich morgens gegen 7.00 Uhr zur Arbeit gefahren bin, traf ich meinen Nachbarn Otto draußen. Er begrüßte mich immer vor dem Haus mit den Worten: „Na, geiht dat Elend wedder los?“ Das war der Opener für einen kleinen Plausch, der jedes Mal mit den Worten endete: „Wat mutt, dat mutt.“ Wenn Otto morgens verhindert war und mich nicht begrüßte, fehlte mir tatsächlich etwas, es war nach kurzer Zeit ein lieb gewordenes Ritual.
Der Zufall wollte es, dass ich nach einigen Wochen einen neuen Firmenwagen bekommen habe. Für mich nichts Besonderes, da ich aufgrund der Leasingverträge alle drei Jahre ein neues Auto bekam. Als ich morgens dann zur Arbeit fahren wollte, war Otto bereits im Garten am Arbeiten. Ich freute mich wieder auf seinen Standardsatz, der dieses Mal ausblieb. „Dat Auto quietscht“, sagte er, ohne eine Miene zu verziehen. „Der ist neu“, antwortet ich umgehend, „hat gerade erst 25 Kilometer gelaufen“. „Dat Auto quietscht. Frog mol Bettina, dien Frau hat dat bestimmt ok all heurt.“. „Alles klar, mach ich“, war meine Antwort und fuhr zu Arbeit. Als ich meine Frau abends auf die ominöse Bemerkung ansprach, lachte sie laut los und erzählte mir, dass man für ein neues Autos in der Nachbarschaft einen ausgeben muss, damit er zukünftig nicht quietscht. Wurde natürlich umgehend gemacht, und das Auto freute sich, dank Otto nicht mehr quietschen zu müssen. Das war vor gut 20 Jahren. Letzte Woche lud unser Nachbar, auch ein Zugezogener, ebenfalls zum Umtrunk ein, da ein neuer Wagen vor seiner Tür stand. Entsprechend trafen sich die Nachbarn, um auch hier ein mögliches Quietschen des Autos im Vorfeld zu verhindern. Auch wenn der eine oder andere jetzt berechtigt anmerkt, Auto und Alkohol, das geht ja wohl gar nicht, hat er natürlich recht. Hier geht es aber nicht um eine Probefahrt, wobei probesitzen darf man auf Wunsch schon. Fazit: Es war wieder einmal ein gelungener Anlass, mit den Nachbarn entspannt zu klönen und sich auszutauschen. Das neue Auto hingegen war schnell vergessen.
Warum schreibe ich jetzt diese banale Geschichte? Weil es hier im Landgebiet aufgrund der Tradition und der Hilfsbereitschaft untereinander viele Anlässe und Möglichkeiten gibt, soziale Kontakte zu knüpfen. Immer unter dem Aspekt, dass man es auch möchte und es keine Verpflichtung gibt, immer dabei sein zu müssen. Und das nicht nur durch vermeintlich quietschende Autos oder Trecker, sondern auch durch das ausgeprägte Engagement der Bevölkerung im Ehrenamt. Wie ich feststellen konnte, sind die Möglichkeiten und die Vielfalt unendlich, bieten Jugendlichen, Erwachsenen und besonders Rentnern je nach Interesse ungeahnte Möglichkeiten, sich in im Landgebiet oder Bergedorf zu engagieren und entsprechend ihren Neigungen aktiv mit Gleichgesinnten Projekte mitzugestalten.