Beitrag: Boike Jacobs
Umwerfend. Einzigartig. Wunderschön. Sprachlos stehe ich vor den rund 30 Arbeiten von Kathleen Ryan, die zur Zeit in der Hamburger Kunsthalle zu sehen sind. Besonders beeindrucken mich ihre übergroßen Früchte, Zitronen, Aprikosen, Kirschen, Melonen, voller Schimmel und Fäulnis. Und gerade diesen Prozess hat Kathleen Ryan durch Hunderte von farbigen Halbedelsteinen akribisch nachgebildet. Was ursprünglich abstoßend ist, erfährt auf diese Weise eine neue Schönheit, aus dem Glatten, Unberührten wird Bewegtes, Vielfarbiges.


Aprikose und Zitrone. Fotos: Ute Klapschuweit
Alle ihre Skulpturen, große wie kleinere, bestehen aus gefundenen, gesammelten und wiederverwendeten Materialien. Ein großer Drahtkorb, gefüllt mit vergammelten Kirschen, deren Stengel ehemalige Antennen sind, die nach allen Seiten ragen, überreife Melonen, deren Schalen aus Kotflügeln bestehen, ein riesiger Blumenkranz aus Schläuchen und Plastikteilen.

Kirschen, Blumenkranz. Pressefoto: Hamburger Kunsthalle (kostenlos)
Nichts von dem, was Kathleen Ryan gestaltet, ist neu, aber alles Alte, Defekte wurde verwandelt und hat dadurch einen neuen Sinn bekommen. Zauberhaft das zarte Spinnengewebe aus Glasperlen, das die Motorhaube von der Müllhalde ziert. Oder die Reihe von Singvögeln, die auf einem ausrangierten Kronleuchter sitzen.


Pressefotos: Hamburger Kunsthalle (kostenlos)
Die 1984 geborene Kathleen Ryan lebt und arbeitet in New York und wurde bereits 2020 in Hamburg mit dem Rosa-Schapire-Kunstpreis der Freunde der Kunsthalle ausgezeichnet. „Ihre Werke rufen eine Mischung aus Staunen, Humor und Abscheu hervor und regen damit an, über Reichtum und Verschwendung, Dekadenz und Sexualität sowie über den Kreislauf des Konsums und des Lebens nachzudenken“, heißt es in dem Katalog zur Ausstellung. Aber die Künstlerin sieht das noch etwas anders, wenn sie betont, dass gerade im Verfall Neues, Schönes, bislang nicht Sichtbares entstehe. Und genauso habe ich es auch empfunden.
Die Ausstellung ist noch bis zum 11. August in der Hamburger Kunsthalle zu sehen. Öffnungszeiten: Mo geschlossen, Di-So 10 bis 18 Uhr, Do 10 bis 21 Uhr.