Lesenswertes

„Pflicht ist Pflicht“

Beitrag: Boike Jacobs

Als ich 1968 den Roman „Deutschstunde“ von Siegfried Lenz zum ersten Mal gelesen habe, hat es mich regelrecht durchgeschüttelt. Wenige Jahre zuvor hatten mich auch „Die Blechtrommel“ und “Hundejahre“ von Günther Grass fasziniert und begeistert. Aber „Deutschstunde“ traf mich ganz persönlich, weil hier eine Atmosphäre geschildert wird, die ich aus bitterer Erfahrung selber kannte. Dabei spielt sich das eigentliche Drama in diesem Roman in den Jahren 1942 bis 1945 ab und zeigt in der Gestalt des Polizisten Ole Jepsen einen Gehorsam gegenüber Befehlen, der selbst bei Freunden und den eigenen Kindern keine Gnade kennt. „Pflicht ist Pflicht“, heißt seine Devise. Aber nicht nur im Krieg, auch in der Nachkriegszeit blieben seelische und körperliche Gewalt ein Mittel zur Erziehung. Genau wie sie es in der NS-Zeit gelernt hatten, schlugen Eltern ihre Kinder, Lehrer ihre Schüler, und dabei war bei den einen die Teppichbürste, bei den anderen der Rohrstock ein beliebtes Hilfsmittel. Mitgefühl und Nachsicht hatten da kaum Platz. Erst die 68er Generation stand dagegen auf und machte dem Ungeist auf vielen Ebenen ein Ende.

Pflichtgefühl, Verantwortung, Widerstand, Gehorsam, persönliche Schuld, Versagen, mühsame Erinnerungsarbeit – das alles zeigt Siegfried Lenz in dem Roman „Deutschstunde“ am Beispiel der Familie Jepsen. Der Vater Jens Ole ein strenger Polizist, sein Gegenspieler Max Ludwig Nansen ein freigeistiger Maler, Emil Nolde nachempfunden, das Kind Siggi, das heimlich Widerstand leistet und zwischen diesen beiden unversöhnlichen Männern zerrieben wird. Der Polizist überbringt seinem ehemaligen Freund den „Befehl von oben“, dass seine Kunst „entartet“ sei und er fortan nicht mehr malen dürfe. Um das zu überwachen, drängt er seinen Sohn Siggi, den Maler zu bespitzeln. Und der Maler selbst macht Siggi zu seinem heimlichen Gehilfen, indem er ihn dazu bringt, die trotz des Verbotes gemalten Bilder zu verstecken. Am Ende ist Siggi der Leidtragende, der auch nach Kriegsende den Zwiespalt nicht überwinden kann. Nicht die beiden Männer übernehmen die Verantwortung für ihr Verhalten, sondern Siggi wird zum Schuldigen erklärt und in eine Jugendstrafanstalt eingewiesen. Dort schreibt er unter der geforderten Überschrift „Die Freuden der Pflicht“ über Monate die Geschichte seiner Kindheit auf.

Emil Nolde: Grüne See mit blauer Wolke, ganze Breite

Einer der Gründe dafür, dass mich dieser Roman bis heute so fasziniert, ist meine Begeisterung für den Maler Emil Nolde. Der Freigeist und unkonventionelle Maler wird hier in seiner Arbeitsweise gezeigt, seine Bilder in einer schier unendlichen Landschaft von Wiesen und Meer mit allen nur denkbaren leuchtenden Farben werden eingehend beschrieben. Auch dies ein scharfer Kontrast zu den grauen, abgearbeiteten Menschen in dem winzigen fiktiven Dorf Rugbüll am äußersten Rande Schleswig-Holsteins, in dem der Roman spielt. Immer wieder erinnern Landschaft und Menschen übrigens an die Bilder, die in dem Film „Amrum“ zu sehen sind.

Vor hundert Jahren wurde Siegfried Lenz in Masuren geboren und lebte seit seiner Studienzeit in Hamburg. So rückte auch „Deutschstunde“, einer der wichtigsten Romane der Nachkriegszeit, medial wieder in den Mittelpunkt. Die beiden Verfilmungen des Romans wurden im Abstand von wenigen Tagen im Fernsehen ausgestrahlt, und beim Anschauen hat mich die beängstigende Geschichte erneut gepackt, als sähe ich sie zum ersten Mal.

Fotos: kostenlos

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